Vom 8. bis zum 9. Jahrhundert – Die Urkunde Ludwigs des Frommen

Das Dunkel der Geschichte lichtet sich für einen Ort immer dann, wenn er durch schriftliche Zeugnisse belegbar wird. Für Albisheim war dies nach unserem Wissens­stand am 25. Mai 835 n. Chr. der Fall. An diesem Tage unterzeichnete Ludwig der Fromme in Albisheim eine Urkunde, die das Kloster Prüm in der Eifel in den Besitz von Land und Hörigen bei Albisheim brachte. Bevor wir uns dem Wortlaut der Urkunde zuwenden, wollen wir in kurzen Strichen das Leben Ludwigs des Frommen skizzieren: Ludwig der Fromme ist um das Jahr 778 als Sohn Karls des Großen und seiner zweiten Frau Hildegard geboren. Nach dem Tode Karls am 28. Januar 814 wurde er sein Nach­folger. Nach der Lebensbeschreibung Karls des Großen durch Einhard war er bereits Ende 813 im Beisein der fränkischen Großen durch seinen Vater zum Kaiser gekrönt worden. Er war in allem vermutlich genau das Gegenteil seines Vaters: hat sein Vater die alten Lieder und Epen aus der germanischen Vorzeit aufschreiben lassen, so hat Ludwig sie systematisch vernichten lassen. Statt dessen gab er Dichtungen zur Aus­breitung des Christentums und der Belehrung über den Glauben in Auftrag. So er­wächst nach 822 auf niederdeutschem (altsächsischem) Boden in fast 6000 Ver­sen ein Epos heran, der „Heliand“ (Hei­land), mit dem ein sächsischer Theologe seine kaum bekehrten Landsleute, die in­nerlich noch dem Heidentum zugeneigt sind, für die christliche Lehre empfäng­lich machen will, wobei er sich als Stilmit­tel des germanischen Stabreims bedient. 833 n. Chr. wird Ludwig von seinen Söhnen als abgesetzt erklärt, 834 unter der Mithilfe seines Sohnes Ludwig des Deut­schen wieder eingesetzt. Etwa ein Jahr danach hat er die Urkunde in Albisheim ausgestellt. Er starb am 20. 6. 840 n. Chr. Sein Biograph, der Trierer Chorbischof Thegan(bert) huldigte ihm in seiner Lebens­beschreibung in bewegten Worten. In der Biographie selbst beschreibt er ihn im 19 Kapitel: Er war von Gestalt mittelgroß, hatte große helle Augen, ein leuchtendes Gesicht, ei­ne gerade lange Nase, Lippen, die weder zu dick noch zu dünn waren, eine starke Brust, breite Schultern, äußerst starke Arme, so dass ihm beim Bogenschießen und Speerwurf niemand gleichkommen konnte: er besaß lange Hände, gerade Finger, lan­ge und gemäß dem Normalmaß dünne Beine, lange Füße und eine männliche Stim­me. In der lateinischen und griechischen Sprache war er wohl bewandert, obwohl er das Griechische besser zu verstehen als zu sprechen vermochte; das Lateinische aber konnte er gleichsam wie seine Muttersprache sprechen. Die Heidnischen Dichtungen, welche er in seiner Jugend gelernt hatte, verschmähte er, wollte sie weder lesen, noch hören, noch lehren.., er war schwer in Zorn, leicht aber in Mitleid zu versetzen. . . In Speise und Trank war er zurückhaltend, in der Klei­dung bescheiden. Niemals prangte er, wie es seine Vorfahren taten, in goldener Klei­dung, außer an den höchsten Festtagen. An solchen Tagen trug er außer Hemd und Hosen nichts als mit Gold gewirkten Stoffe, ein goldenes Gewand, einen goldenen Gürtel und ein goldglänzendes Schwert, goldene Beinschienen und einen mit Gold durchwirkten Mantel; auf dem Haupte trug er eine goldene Krone und in der Hand einen goldenen Stab. Niemals erhob er seine Stimme zum Lachen, und selbst wenn bei den höchsten Festen, zur Freude des Volkes, Schauspieler und Spaßmacher und Mimen mit Flötenbläsern und Zitherspielern bei Tische vor ihm erschienen, und das Volk in seiner Gegenwart maßvoll lachte, zeigte er nicht einmal seine weißen Zähne beim Lachen. Diese Ausführungen Theganberts wollen uns nicht einen sauertöpfischen Kaiser vor­stellen – dies schon um so weniger als der Chorbischof ein glühender Verehrer Lud­wigs war, sondern er schildert ihn in dem Bilde des frühchristlichen Mönchideals. Dies kommt deutlich zum Ausdruck in der Formulierung, dass der Kaiser „niemals seine Stimme zum Lachen erhob“. Hier gibt es zahlreiche Parallelen in den frühen Mönchsbiographien. Als Beispiel erwähne ich Ephräm, den Syrer (+ am 9. Juni 373), über den es in einer syrisch überlieferten Lebensbeschreibung unter anderem heißt: sein Gesichtsausdruck war immer traurig und niemals ließ er sich herbei zu lachen…“ So ist der Kaiser hier in der Tracht des römischen Legionärs als ‘miles Christianus‘, als Soldat Christi beschrieben, um seinen Einsatz für das Christentum zu würdigen. Er ist in dieser Kleidung in einer Miniatur zu einem Bildgedicht „Das Lob des heiligen Kreuzes“ (de laudibus 5. Crucis) des Hrabanus Maurus um 840 n.Chr. abgebildet. Ludwig der Fromme erscheint hier als Soldat für das Kreuz aus­gestattet. Als Politiker besaß er wohl kaum die Fähigkeiten noch die Begabung seines Vaters. Dies hängt vielleicht mit seiner Erziehung zusammen, die ihn eigentlich für das geist­liche Amt vorsah, aber durch den Tod seiner Brüder wurde er auf den Thron gerufen. Er hat jedenfalls das Auseinanderbrechen des gewaltigen Reiches Karls des Großen mit in die Wege geleitet, zum einen durch ungeschicktes Vorgehen beim Aufteilen des Erbes, zum anderen, weil er das Besitztum, das karolingische Reichsgut immer weiter schmälerte. So begnügte er sich nicht mehr damit die Klöstern — wie es sein Vater und Großvater getan haben —‚ zu belehnen, sondern schenkte ihnen in immer stärkeren Maße das Reichsgut. Dass sich dieses — und damit die wirtschaftliche Macht — immer mehr verringerte versteht sich von selbst. Den Beinamen ‘der Fromme‘ erhielt er wegen seines bestimmten Einsatzes für die Kirche und das Christentum durch Mis­sionsschriften, aber auch, weil er das Vermögen der Klöster und Kirchen vermehrte. Auf diesem Hintergrund ist auch die Urkunde, in der unser Dorf erwähnt ist, zu sehen. Sie lautet nach der Aufschlüsselung der in den Urkunden üblichen Kürzel in lateinischer Sprache: Leider ist diese Urkunde nicht im Original enthalten. Sie findet sich in einer Urkun­densammlung des Klosters Prüm, dem sogenannten „Goldenen Buch“, die im 10. Jahrhundert n. Chr. angefertigt wurde. Diese Sammlung wird heute in Trier aufbe­wahrt. Wenn wir uns nun dem Inhalt dieser für unser Dorf so wichtigen Urkunde zu­wenden, so wollen wir auch nur diejenigen Linien herausarbeiten, die zum Verständ­nis nötig sind. Nach seinen eigenen Worten hat Ludwig der Fromme aus zweifachem Anlass diese Schenkung vollzogen: zum einen, um akute Notstände des Klosters zu lindern, zum anderen, um mit einem guten Werk Anerkennung bei Gott zu finden, damit er die ewige Seligkeit glücklich erlangen kann. Dies glaubte er wohl um so nötiger tun zu müssen, als er ausdrücklich darauf hinweist, dass er nur, weil er die Gnade Gottes wie­der erlangt hat, Kaiser ist. Er spielt damit auf seine Wiedereinsetzung als Kaiser im Jahre 834 an. Zu dem materiellen Wert muss man sagen, dass er Königsgüter ver­schenkte, d.h. einen Gutshof mit dem dazu gehörenden Land und den Hörigen, die dieses Gut bestellen. Erst in späterer Zeit wird das Wort „Hof“ oder „Hube“ als Bezeich­nung eines Ackermaßes üblich. Auf jedem Hof oder Hube saß eine Familie. Jeder Hof war so groß bemessen, dass eine Familie davon leben und sogar noch den Abgaben an den Grundbesitzer nachkommen konnte. Beda Venerabilis (* 672/73 +735) erklärt ausdrücklich, dass eine Hufe ein Stück Acker für eine Familie ist. In spä­terer Zeit belief sich die Größe einer solchen Hufe auf etwa 12 -14 ha. Selbstverständ­lich wurden damaligen Brauch und Rechtsempfinden nach, die Hörigen wie Gegen­stände mitverschenkt. Da sie dadurch aber ihre Arbeit gesichert hatten, zumal auch für sie zu freiem Gebrauch Land zur Verfügung stand, waren sie mit ihrem Los zufrie­den. Daher blieben sie, wenn sie freigelassen wurden, auf dem Gut, auf dem sie vorher als Hörige gearbeitet haben, um dort nun als freie Bauern ihr Leben zu führen. Da Ludwig der Fromme ausdrücklich betont, dass er alle Rechte an das Kloster abtritt, hat dies auch für die erwähnte Kirche ihre Folgen. Da nach fränkischem Recht die Kir­chen Eigenkirchen waren, d.h. der Besitzer des Landes auf dem die Kirche stand, übte zugleich das Patronatsrecht und bestellte damit den Pfarrer. Selbstverständlich gehör­ten hier auch die Abgaben, die Zehnten, dazu, die die Kirche zu beanspruchen hatte. Wie die Kirche aussah, ob sie aus Stein oder Holz errichtet war, wissen wir nicht. Da es sich aber wohl um die einzige Kirche in den drei erwähnten Ortschaften handelt und sie zum Königsgut mit dazu gehörte, können wir sie uns wohl als ein aus Steinen auf­geführtes Bauwerk denken. Der Name ‘Basilika‘ bedeutet hier nicht, dass eine größere Anlage oder gar eine besonders ausgezeichnete Kirche vorhanden war, sondern be­zeichnet hier wohl nur die Eigenkirche des fränkischen Königs bzw. Kaisers. Ähnlich steht es mit dem erwähnten ‘palacium regium‘, das ich mit ‘königlicher Woh­nung‘ übersetzte. Zweifellos bestand in Albisheim karolingisches Reichsgut, war eine königliche Domäne vorhanden. Diese Gutshöfe wurden als villa, fiscus, oder auch palatium bezeichnet. Selbstverständlich stand in unserem Dorf keine der großen Kai­serpfalzen wie Ingelheim am Rhein, Thionville (Diedenhofen) oder Frankfurt am Main und Worms. Wir wären dann in dem offiziellen Verzeichnis der Güter erfasst. Da aber der fränkische König auf seinen Reisen durch sein Land auch seine Güter in­spizierte und dort auch übernachtete, besaß er in jenen kleinen Gütern Räume, die ihm bei einem Aufenthalt zur Verfügung standen. Diese Räume wurden ebenfalls als palatium bezeichnet. Die deutsche Entsprechung des palatium regium ist frônhof oder Herrenhof. Er bestand in der Regel aus einem steinernen Hauptgebäude für die Verwaltung und den Aufenthalt des Königs sowie verschiedenen Nebengebäuden aus Holz. Die ganze Anlage war mit einem „tunnus“, Zaun umgeben. Der Fronhof lag nun wohl da, wo sich Schulstraße und Alleestraße heute kreuzen, auf dem Gebiet der Familie Arndt und von Herrn Wasem. Seine Reste sollen noch 1765 durch eine Kommission der Akademie von Heidelberg besichtigt worden sein. Heute jedoch sind die Reste gänzlich geschwunden, die schon zu Beginn des letzten Jahr­hunderts der Spitzhacke zum Opfer gefallen sein dürften. Ludwig der Deutsche und seine Schenkungen Der Sohn Ludwigs des Frommen, König Ludwig der Deutsche hat nach der Reichstei­lung unter den Söhnen Ludwigs des Frommen, das Ostfrankenreich mit der Hauptstadt Regensburg erhalten. Anders als sein Vater war er ein klug abwägender Politiker, der seine Besitzungen dennoch fast sein ganzes Leben lang mit Waffengewalt verteidigen musste. Er hatte viel von seinem Großvater Karl dem Großen, und mit der ihm eige­nen Tatkraft gelang es ihm, seine Stellung zu halten, ja sogar auszubauen. Gegenüber der Zeit seines Vaters hat sich kirchlicherseits einiges geändert. Ludwig der Deutsche musste keine Auftragsarbeiten zur Missionierung seiner germanischen Un­tertanen bestellen, sondern unter ihm, der sich auf fränkische Stammlande berufen konnte, wurden die Franken als die Stützen des Christentums besungen und man ver­suchte sie auf diese Art und Weise fest für die Dienste der Kirche zu gewinnen. So hat Otfried von Weißenburg (im Elsass) um 860 versucht, die Geschichten um Jesus in einer Evangelienharmonie darzustellen. Er widmete dieses Werk Ludwig dem Deut­schen. Otfried ist damit der erste Dichter deutscher Sprache, der uns dem Namen nach bekannt ist. Er war zehn Jahre lang Schüler des berühmten Abtes von Fulda, Hrabanus Maurus (*um 776 in Mainz, + 04. 02. 856, seit 847 Erzbischof von Mainz). Das Evangelienbuch, das er wohl zwischen 850 und 860 verfasste, zeigt zum ersten Mal in der deutschen Dichtung den Endreim, der sich bei aller deutschen Dichtung bis ins 13. Jahrhundert durchhält. Aus seinem Werk sei nun die Widmung an Ludwig den Deutschen hier vorgestellt:

Lûdouuig ther snello
thes uuisduames follo
er ôstarrîchi rihtit al,
sô Frankôno kuning scal.
Vbar Frankôno lant
sô gengit ellu sîn giuualt
thaz rihtit, so ih thir zellu,
thiu sîn giuualt ellu.

Diese vier Verse heißen in unserem Deutsch:
Ludwig der Starke,
der Weisheit voll,
er beherrscht das ganze Ostreich,
wie es der Franken König soll.
Über der Franken Land
geht all seine Macht,
das, wie ich dir erzähle,
all seine Macht beherrscht.

Dieser hier so gepriesene Ludwig besaß auch nach der Schenkung an das Kloster Prüm durch seinen Vater beachtliche Güter in Albisheim. So konnte auch er dem Klo­ster St. Cyriakus in Worms-Neuhausen eine Schenkung vermachen. In der Sammel­urkunde, in der verschiedene Güter fiir Neuhausen genannt sind, heißt es an zweiter Stelle: in marcha vel villa Albolfesheim Aream I & Jornales XI. Diese kurze Notiz heißt auf Deutsch: in der Gemarkung und dem Dorfe Albisheim eine Tenne und 11 Tagwerk. Diese Urkunde, die in Frankfurt am Main ausgestellt ist, datiert vom 24. 6. 869. Eine andere Urkunde, deren Verlust für Albisheim schmerzlich ist, setzte unser Dorf in den Besitz von 998,75 Morgen Wald am Donnersberg und von 80 und 2/4 Morgen und 12 Ruten Weideland zwischen dem Heyerhof und Albisheim. Diese Schenkung stellte einen wichtigen Wirtschaftsfaktor da. Nicht allein wegen des Holzes oder des Wildbestandes, sondern wegen der Früchte, die der Wald lieferte und zu denen im Mittelalter auch die Bucheckern zu rechnen sind. Aus ihnen gewann man, wie in den Mittelmeerländern aus der Olive, Öl. Desgleichen dienten die Bucheckern wie die Eicheln zur Schweinemast, da man die Hausschweine damals im Wald auf die Weide trieb. Während die Weide in der napoleonischen Zeit verloren ging, da man mit ihr Kriegslasten abgalt, ist der Wald heute noch in unserem Besitz, wenn gleich auch in geschmälertem Umfang. Die Streitigkeiten, die Albisheim mit Dannenfels zunächst bis 1507 führte, und die dann in den folgenden Jahrhunderten immer wieder aufflackerten, hatten zu Verlusten geführt. Diese Schenkung aber bescherte uns ein Fest, das wir seit 1222 jährlich begehen. Ur­sprünglich war es auf Montag nach Gallentag, dem 16. Oktober festgesetzt, aber in der französischen Herrschaft zusammen mit dem Albisheimer Markt auf den 3. Sonntag im September gelegt: das Königsfest. Es wurde nach einer alten Notiz im Kompetenzbuch der nassau-weilburgischen Herrschaft aus dem Jahre 1657 im Jahre 1222 gestif­tet. Zu dieser Zeit soll das Haupt König Ludwigs aus seinem Bestattungsort in der Gruft des St. Nazariusklosters in Lorsch in einem hölzernen Reliquiar in die Peterskir­che zu Albisheim verbracht worden sein. Unsere Altvorderen erinnerten sich, dass dieser König des Öfteren im Wormsgau sich aufgehalten hatte und bei einer dieser Gelegenheiten das Dorf in Besitz von Wald und Weide brachte. Sie bestimmten nun, dass an eben dem erwähnten Montag auf den St. Gallustag, die sechs Meßpriester der Kirche einen Gedächtnis-Gottesdienst zu halten haben, bei dem sie des Lebens und der Wohltaten Ludwigs gedenken sollen. Später, in protestantischer Zeit, kamen die nächstgesessenen 6 Pfarrer zusammen, um diesen Gottesdienst zu gestalten. Heute wird er von Ortspfarrer allein gehalten. In seinem Mittelpunkt steht die sogenannte Königspredigt. Am Schlusse der Messe gab es eine Speisung, von der die Königswecke (Buweschenkel) Zeugnis ablegen, die heute noch jeder Gottesdienstbesucher erhält. Wir wollen diesen Abschnitt abschließen mit einem kurzen Lebenslauf Ludwigs, ähn­lich dem, der im Gottesdienst verlesen wird: König Ludwig der Deutsche ist um das Jahr 806 als 3. Sohn Ludwigs des Frommen und dessen erster Ehefrau Irmingard geboren. Beim Reichsteilungsplan seines Vaters im Jahre 817 n. Chr., der Ludwigs Bruder Lothar die Kaiserwürde sicherte, bekam er als 11-jähriger das Königtum Bayern mit der Hauptstadt Regensburg zugewiesen. Im Jahr darauf starb seine Mutter Irmingard und sein Vater heiratete Judith, eine Tochter des Herzogs Hwelf aus vornehmer bayrischer Familie, die durch ihre Mutter Eigilwi ei­nem vornehmen sächsischen Geschlechte angehörte und machte sie zur Königin, wie der Biograph Ludwig des Frommen, der Trierer Chorbischof Thegan bemerkt, und er fügt nicht ohne Pfiffigkeit hinzu, „denn sie war sehr schön“. Eine Schwester dieser Ju­deith namens Emma ehelichte Ludwig der Deutsche und trat im gleichen Jahr (823 n. Chr.) seine Herrschaft über die Bayernlande an. Da der ursprüngliche Reichsteilungs­plan von 817 von der Einheit des gesamten Reiches ausging, der aber 829 zugunsten des Halbbruders (aus der 2. Ehe) Karl, nachmals der Kahle genannt, umgestoßen wer­den sollte, beteiligte sich Ludwig mit seinen Brüdern Lothar und Pippin 833 an einem Aufstand gegen den Vater, der seines Amtes als Kaiser enthoben wurde. Aber bereits 834 wandte er sich mit Pippin gegen den ältesten Bruder Lothar, der die faktische Oberherrschaft über die Brüder ausüben wollte und wirkte bei der Wiedereinsetzung seines Vaters als Kaiser mit. Als aber Ludwig der Fromme zäh an seiner Absicht festhaltend, wobei seine Frau Judith nicht unerheblich für ihren Sohn Karl intrigierte, sei­nen jüngsten Sohn Karl den Kahlen angemessen auszustatten, Ludwig alle Gebiete rechts des Rheines außer Bayern absprach, griff er erneut gegen den Vater zu den Waf­fen, vermochte aber seine Ansprüche nicht durchzusetzen. Nach dem Tode Ludwigs des Frommen im Jahre 840 n. Chr., brach der Bruderkrieg offen und in aller Härte aus. Ludwig der Deutsche schlug zusammen mit seinem Halbbruder Karl dem Kahlen 841 bei Fontenay seinen Bruder Lothar, der dem Vater auf den Kaiserthron gefolgt war. Das Bündnis mit seinem Halbbruder Karl bestätigte er durch die Straßburger Eide von 842 und erhielt schließlich im Vertrag von Verdun 843 das rechtsrheinische Germanien ohne Friesland, aber mit den linksrheinischen Diözesen Mainz, Worms und Speyer. Das ihm von seinem Vater zugewiesene Bayern blieb auch nach dem Ver­trag von Verdun das Kernland seiner Herrschaft. Durch die ihn bedrohende Entste­hung des Mährischen Reiches an seiner Ortsgrenze war Ludwig dort stark gebunden. Und doch war auch eine nach Westen gerichtete Politik für ihn lebensnotwendig. Dass er dies erkannte, ist ein Zeugnis für seine Fähigkeit als Politiker und Staatsmann, und so beweisen, trotz der Auseinandersetzungen im Osten bis zum Jahre 870, seine häufi­gen Aufenthalte in Mainz und Worms, wie wichtig er die Westgrenzen seines Reiches hielt und ihn die Vorgänge dort interessierten und welches Augenmerk er auf sie rich­tete. Er wäre sonst in eine aussichtslose Verteidigungsposition durch das mächtige Reich seines Halbbruders Karls des Kahlen gedrängt worden. Als dieser sich anschick­te, seinen Einfluss auszuweiten, zwang ihn Ludwig der Deutsche, unterstützt vom Adel, zu einem neuen Vertrag, der 870 in Mersen geschlossen wurde. Obwohl Ludwig zweimal Initiator von Verträgen war und seine Position zu halten vermochte, konnte er nicht verhindern, dass Karl der Kahle sich am 25. Dezember, am ersten Weih­nachtstage also, im Jahre 875 in Rom durch Papst Johannes VIII. (Papst von 872 bis zu seinem Tode am 16. 12. 882; von Verwandten erschlagen) zum Kaiser krönen ließ. Ludwig der Deutsche starb, kurz bevor seine Söhne, unter die er sein Reich aufgeteilt hatte, gegen Karl nach Italien zu Felde zogen, am 28. August 876 in der Königspfalz zu Frankfurt am Main und wurde bereits einen Tag später in dem St. Nazariuskloster zu Lorsch an der Bergstraße beigesetzt.

Verfasser: Rüdiger Unger, Quelle: Festschrift anl. der 1150 Jahr-Feier der Gemeinde Albisheim, 1985.
Digitalisiert und überarbeitet: Rainer Schroedel